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Zeitschrift des Bundes für indigene Völker e.V.

 

Leseprobe

Yanomami: erforscht, alleingelassen
Was die Wissenschaft am Elend der Indios gewann

VON HANNELORE GILSENBACH


...... Noch immer versucht die junge Mutter, ihr kraftloses Baby mit ihrem Körper zu wärmen. Sie liegt still in ihrer Hängematte, hält das Kleine umschlungen und versetzt das selbstgeflochtene Bett in behutsames Schaukeln. Das leise Knarren der Halteseile wirkt einschläfernd.
Alle Bewohner des Dorfes nehmen Anteil am Schicksal des einjährigen Savio. Stumm haben sich die nächsten Verwandten um die Hängematte versammelt. Doch niemand ist imstande, zu helfen; nicht einmal der alte Schamane des Dorfes weiß Rat. Gegen die Krankheiten der Weißen hat sein Heilwissen schon lange versagt. Nach wenigen Stunden ist Savio nicht mehr am Leben......
   
Schwindsucht-Tod bei den Yanomami:
In der Region von Auaris und Tukuxim im Norden des brasilianischen Bundesstaates Roraima hat die Seuche zwischen Januar und August 1998 über 40 Indios getötet. Weitere 18 Menschen starben an Lungenentzündung, 11 an Malaria. Vor allem Kinder, Altersgenossen des kleinen Savio, zählten zu den Opfern.
Um Lungentuberkulose und andere, unter den Yanomami grassierende Infektionskrankheiten erfolgreich behandeln zu können, fehle es schlichtweg an Medikamenten; so klagte die Zeitung der Katholischen Indianermission Brasiliens PORANTIM in ihrer Septemberausgabe 1998.
Ein dringender Appell des Sachverständigen für Kolonisationskrankheiten bei Indigenen, eines Mitarbeiters der Diezöse von Roraima an den Vizepräsidenten des Bundesstaates blieb ungehört.

Die tödliche Lungenseuche werde unter den Indios dramatisch anwachsen, warnten die PORANTIM-Autoren. Vermutlich hatten sie recht. Doch Meldungen zum weiteren Tbc-Verlauf blieb das monatlich erscheinende Missions-Blatt bisher schuldig.
   

Das Siedlungsgebiet der Yanomami - so groß wie Schleswig-Holstein - liegt im Nordwesten Brasiliens und im Süden Venezuelas: Grenzland zwischen Rio Negro und Rio Branco' das relativ lange seine Geheimnisse wahren konnte.
Erst ab 1950 machten sich vermehrt europäische Ethnologen auf den Weg zu dem wehrhaften Jäger- und Sammlervolk des Regenwaldes, um dessen einzigartige, jahrtausendealte Kultur zu dokumentieren.

Doch was - sieht man von den üblichen ,,Ködern" wie Glasperlen, Spiegelchen und Messern ab - brachte der wissenschaftliche Eifer für die Ausgeforschten? Wahrscheinlich den Tuberkelbazillus!
Es heißt, der erste Fall von Tbc sei bei den Yanomarni 1965 aufgetreten, kurz nach dem Besuch eines Völkerkundlers. Doch wenn nicht er, so hätten Siedler, Missionare oder Goldsucher die Todeskeime eingeschleppt, wie es bisher nahezu allen ,,kontaktierten" Waldvölkern widerfuhr.

Besonders im brasilianischen Teil des Yanomami-Gebietes sind viele traditionelle Lebensstrukturen inzwischen zerstört. Zu Tausenden fallen ,,garimpeiros" immer wieder über das an Goldlagerstätten reiche Land der Indios her, ungeachtet aller Schutzanordnungen der Regierung.

Vor einigen Jahren haben die Yanomami erneut Aufsehen erregt, diesmal jedoch in der medizinischen Wissenschaft: 1992 reisten amerikanische Immunologen zu Feldstudien in den brasilianischen Grenzdschungel. Sie erhofften sich neue, bahnbrechende Erkenntnisse über das Zusammentreffen einer Seuche mit ehemals isoliert lebenden Menschen, deren Immunsystem den Erreger nicht kennt.

Der zu erkundende Spezialfall: Mycobacterium tuberculosis, der Bazillus der Lungenschwindsucht. Die Forscher wurden nicht enttäuscht. Überaus aggressiv (,,buschfeuerschnell", so der treffende Vergleich von ,,Science News") und mit heutzutage völlig ungewöhnlichen Symptomen verlaufe die Infektion unter den Waldindios. Allenfalls vergleichbar mit den Seuchenzügen des Mittelalters, die ganze Landstriche entvölkerten.


Dazu ein Bericht im SPIEGEL (9/1998): ,,Tb-infizierte Yanomami reagieren auf den Bakterienangriff mit plötzlichem hohem Fieber, die Lymphknoten im Nacken schwellen an, häßliche Schwären brechen an Hals und Gesicht auf."

Geradezu unter Laborbedingungen könnten Seuchenexperten die Ausbreitung eines neuen Erregers verfolgen. DER SPIEGEL resümiert: ,,Die überraschenden Befunde sind für die medizinische Forschung ein Glücksfall Für die Yanomami wohl eher ein Unglücksfall.

Um eigene Abwehrmechanismen genetisch zu fixieren, fehlt es an Zeit; Generationen müßten vergehen. Für Arzneimittel fehlt es der Indianerbehörde an Geld oder an Verantwortungsgefühl oder an beidem.

Erkundet und ihrem Elend überlassen - das Schicksal von Indigenen im ,,UNO-Jahrzehnt der indigenen Völker". Die Schwindsucht in Savios Dorf wird neue Opfer befallen, mit ,,hohem Fieber und häßlichen Schwären". Es sei denn, es geschähe ein Wunder; doch die sind rar geworden im brasilianischen Busch.


 
 


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Dr. Hannelore Gilsenbach
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Redaktion, Satz und Layout: Dr. Hannelore und Reimar Gilsenbach
BUMERANG erscheint zweimal im Jahr
Diese Publikation wird durch das Ministerium der Justiz und für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg gefördert
Druck und Herstellung: Druckhaus Eberswalde, Freienwalder Str. 44-46, 16225 Eberswalde
Copyright by Gilsenbach & Gilsenbach Brodowin 2000
ISSN 0947-8477

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