Schwindsucht-Tod
bei den Yanomami:
In der Region von Auaris und Tukuxim im Norden des brasilianischen
Bundesstaates Roraima hat die Seuche zwischen Januar und August 1998
über 40 Indios getötet. Weitere 18 Menschen starben an Lungenentzündung,
11 an Malaria. Vor allem Kinder, Altersgenossen des kleinen Savio,
zählten zu den Opfern.
Um Lungentuberkulose und andere, unter den Yanomami grassierende Infektionskrankheiten
erfolgreich behandeln zu können, fehle es schlichtweg an Medikamenten;
so klagte die Zeitung der Katholischen Indianermission Brasiliens
PORANTIM in ihrer Septemberausgabe 1998. |
Ein
dringender Appell des Sachverständigen für Kolonisationskrankheiten
bei Indigenen, eines Mitarbeiters der Diezöse von Roraima an den Vizepräsidenten
des Bundesstaates blieb ungehört.
Die tödliche Lungenseuche werde unter den Indios dramatisch anwachsen,
warnten die PORANTIM-Autoren. Vermutlich hatten sie recht. Doch Meldungen
zum weiteren Tbc-Verlauf blieb das monatlich erscheinende Missions-Blatt
bisher schuldig. |
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Das
Siedlungsgebiet der Yanomami - so groß wie Schleswig-Holstein -
liegt im Nordwesten Brasiliens und im Süden Venezuelas: Grenzland
zwischen Rio Negro und Rio Branco' das relativ lange seine Geheimnisse
wahren konnte.
Erst ab 1950 machten sich vermehrt europäische Ethnologen auf den
Weg zu dem wehrhaften Jäger- und Sammlervolk des Regenwaldes, um
dessen einzigartige, jahrtausendealte Kultur zu dokumentieren.
Doch was - sieht man von den üblichen ,,Ködern" wie Glasperlen,
Spiegelchen und Messern ab - brachte der wissenschaftliche Eifer
für die Ausgeforschten? Wahrscheinlich den Tuberkelbazillus!
Es heißt, der erste Fall von Tbc sei bei den Yanomarni 1965 aufgetreten,
kurz nach dem Besuch eines Völkerkundlers. Doch wenn nicht er, so
hätten Siedler, Missionare oder Goldsucher die Todeskeime eingeschleppt,
wie es bisher nahezu allen ,,kontaktierten" Waldvölkern widerfuhr.
Besonders
im brasilianischen Teil des Yanomami-Gebietes sind viele traditionelle
Lebensstrukturen inzwischen zerstört. Zu Tausenden fallen ,,garimpeiros"
immer wieder über das an Goldlagerstätten reiche Land der Indios
her, ungeachtet aller Schutzanordnungen der Regierung.
Vor einigen Jahren haben die Yanomami erneut Aufsehen erregt, diesmal
jedoch in der medizinischen Wissenschaft: 1992 reisten amerikanische
Immunologen zu Feldstudien in den brasilianischen Grenzdschungel.
Sie erhofften sich neue, bahnbrechende Erkenntnisse über das Zusammentreffen
einer Seuche mit ehemals isoliert lebenden Menschen, deren Immunsystem
den Erreger nicht kennt.
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Der
zu erkundende Spezialfall: Mycobacterium tuberculosis, der Bazillus
der Lungenschwindsucht. Die Forscher wurden nicht enttäuscht. Überaus
aggressiv (,,buschfeuerschnell", so der treffende Vergleich von
,,Science News") und mit heutzutage völlig ungewöhnlichen Symptomen
verlaufe die Infektion unter den Waldindios. Allenfalls vergleichbar
mit den Seuchenzügen des Mittelalters, die ganze Landstriche entvölkerten.
Dazu ein Bericht im SPIEGEL (9/1998): ,,Tb-infizierte Yanomami reagieren
auf den Bakterienangriff mit plötzlichem hohem Fieber, die Lymphknoten
im Nacken schwellen an, häßliche Schwären brechen an Hals und Gesicht
auf."
Geradezu
unter Laborbedingungen könnten Seuchenexperten die Ausbreitung eines
neuen Erregers verfolgen. DER SPIEGEL resümiert: ,,Die überraschenden
Befunde sind für die medizinische Forschung ein Glücksfall Für die
Yanomami wohl eher ein Unglücksfall.
Um
eigene Abwehrmechanismen genetisch zu fixieren, fehlt es an Zeit;
Generationen müßten vergehen. Für Arzneimittel fehlt es der Indianerbehörde
an Geld oder an Verantwortungsgefühl oder an beidem.
Erkundet und ihrem Elend überlassen - das Schicksal von Indigenen
im ,,UNO-Jahrzehnt der indigenen Völker". Die Schwindsucht in Savios
Dorf wird neue Opfer befallen, mit ,,hohem Fieber und häßlichen
Schwären". Es sei denn, es geschähe ein Wunder; doch die sind rar
geworden im brasilianischen Busch.
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