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BUMERANG  

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Zeitschrift des Bundes für indigene Völker e.V.

 

Leseprobe

Hochzeit bei den Tenharim

VON HANNELORE GILSENBACH


...... Sacht fiel der Flötenton zwischen Wachsein und Dämmerschlaf - ein rauher und zugleich zärtlicher Klang. Ihm folgte ein zweiter, dann wiederholten sich beide ... Urplötzlich war mir bewußt, was jetzt folgen würde, und alle Müdigkeit meiner ersten Nacht in dem ungewohnten Schaukelbett schien wie weggezaubert. Hellwach lag ich in der Hängematte und lauschte gespannt, denn Kwahä, der Kazike des Dorfes, begann dicht neben unserem Haus zu singen. In unseren vier Wänden hockte noch immer die Dunkelheit. Doch draußen, im beginnenden Morgengrau, vermischte sich sein Gesang mit den ersten Rufen der Waldvögel, mit dem Krähen der Hähne und dem Lärm der Zikaden - ein Augenblick, so schön und so unwirklich wie ein Traum.......
   

Schon gestem zur Mittagszeit, als ganz Marmelo auf den Beinen war, um uns von der Transamazonica abzuholen und mit Gesang ins Gemeinschaftshaus zu geleiten, erklang der selbstbewußte Tenor des Kaziken wieder und wieder. Halb Lied, halb Rezitativ; vorgetragen in einer fremdartigen, melancholischen Melodie, die er mehrfach wiederholte.

Viermal sang Kwahä jetzt; und viermal, wie zum Ausruhen zwischen alter und neuer Strophe, blies er auf seiner kleinen Bambusflöte. Dann verstummte er, und nichts verriet, ob er davongegangen oder geblieben war. Durch das kleine Fenster unserer Herberge drang derweil so viel Licht, daß sich die Konturen der ,,Inneneinrichtung" zeigten: Die rohen Bretterwände mit den darinsteckenden Nägeln, an denen unser mitgebrachter Hausrat hing - Sombreros, Fototechnik, Angelgerät, Sonnenbrillen und rot eingestaubte Plastiktüten.

Vorsichtig lüftete ich das Moskitonetz und verließ mein schwankendes Bett. Im Nebenraum, abgetrennt durch eine lückige Bretterwand, baumelten die Nachtlager von Sandrinha, Söhnchen Sian, Hubert und Lucie, der Haushaltshilfe aus Porto Velho.

Welches Gaze-Himmelbett mochte den Bräutigam des heutigen Tages verhüllen? ,,Hubert?" Im Halblicht tappte ich durch die Bretterlücke,.......

,Hast du Kwahä singen hören? Wollte er uns wecken? Was müssen wir jetzt tun?" Bevor ich zum Weiterflüstem kam, ertönte der Gesang des Kaziken aufs neue, aber leiser als vorher, von weiter her. ,,Ich glaub nicht, daß wir aufstehen sollen." Hubert räkelte sich. ,,Es war wohl der Einladungsgesang für unsere Hochzeit. Leg dich ruhig wieder hin."

Gut gesagt! Wie sollte ich jetzt noch an Schlaf denken? Während ich durch die offene Tür ins Freie trat, erblickte ich noch schemenhaft die kleine, aufrechte Gestalt des Kaziken. Unter dicht belaubten Mangobäumen ging er ohne Eile den Pfad entlang, der durch die Südhälfte des Dorfes hinunter zum Fluß führt, und immer leiser wurde sein Morgengesang. Draußen im Sand lag ein schmales Brett. Keine bequeme Sitzgelegenheit, aber besser als auf dem kahlen Boden zu hocken.

Mit schmerzendem Rücken setzte ich mich und lehnte mich nachdenklich an die Veranda. Als hätte ich es nur geträumt.

Wann hatte jemals für mich ein Morgen so stimmungsvoll begonnen? Soweit ich mich erinnere - niemals! Schrillende, quäkende Wecker fielen mir ein und mein obligatorischer Mißmut, wenn ich ihnen notgedrungen gehorchen mußte.


 


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Dr. Hannelore Gilsenbach
Weitere Veröffentlichung auch im Internet nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Urheber


Redaktion, Satz und Layout: Dr. Hannelore und Reimar Gilsenbach
BUMERANG erscheint zweimal im Jahr
Diese Publikation wird durch das Ministerium der Justiz und für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg gefördert
Druck und Herstellung: Druckhaus Eberswalde, Freienwalder Str. 44-46, 16225 Eberswalde
Copyright by Gilsenbach & Gilsenbach Brodowin 2000
ISSN 0947-8477

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