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BUMERANG  

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Zeitschrift des Bundes für indigene Völker e.V.

 

Leseprobe Kinderbumerang

Die Höhlenmenschen

Dr Christian Adler aus Gilching bei München hat diese Geschichte erlebt und sie für Kinder aufgeschrieben. Er erzählt, wie er sich auf eine ungewisse Reise in die Vergangenheit begab. Er wollte Menschen entdecken, die noch nichts von unserer Welt wissen und noch so leben, wie unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren gelebt haben...

...... bis ich eines Tages in einem Fischerdorf an Land ging. Die Leute dort berichteten, daß es auf ihrer Insel merkwürdige Wesen gebe. ,,Immer wieder sehen wir ihre Fußspuren im Sand der Flußbänke", erzählte Manuel, einer der Dorfbewohner. ,,Wir werden auch von ihnen beobachtet, hören manchmal sogar das Rascheln der Blätter, während wir irgendwo am Fluß lagern. Sie sammeln Lianen für die Küstenbewohner, auch Harz und Rattan, und liefern diese Waldprodukte über Basing, einen Mittelsmann, ab. Dafür erhalten sie gelegentlich mal ein Stück Stoff, ein Stück rohes Eisen oder ein Messer. Basing will nicht verraten, wer sie sind und wo sie wohnen."
Das alles klang so spannend, daß ich diese seltsamen Menschen unbedingt sehen wollte. Ich lud Manuel ein, mich zu begleiten, weil er die Dialekte kannte, die hier in der Gegend gesprochen wurden.
Manuel war selbst neugierig. Doch er hatte sich noch nie so tief in den Urwald vorgewagt, er hatte Angst vor den Geistern, die es dort gibt.Ich konnte ihn verstehen. Wenn man in das Innere der Insel blickte, so erhob sich dort ein mächtiger Berg, den blauschwarze Wolken umhüllten, in denen gespenstische Blitze aufzuckten. ,,Wir müssen wohl dort hinauf", sagte ich. Nur, wie? Soweit der Blick reichte, erstreckte sich dichter Dschungel. Wir machten uns auf den Weg, am Flußufer entlang und durch das träge dahinfließende braune Wasser. Manchmal schwimmend, überquerten wir die Krümmungen, bis der Fluß endlich schmaler wurde und wir über große Steine springen konnten. Noch ahnten wir nicht, daß uns jede Meile gleichsam 1 000 Jahre tiefer in dieVergangenheit zurückführen würde.
Hoch über uns schloß sich der Urwald mit seinem dichten, immergrünen Blätterdach. Wir sahen keinen Himmel mehr, und nur noch vereinzelt drangen Sonnenstrahlen auf den Boden. Der Pfad wurde enger und enger. Mir war, als gingen wir durch einen Zauberwald, denn links und rechts sah ich die herrlichsten Pflanzen. Mit Blättern in allen Formen und Grüntönen. Über uns leuchteten bunte Orchideen, wir hörten Kakadus und Beos in den Baumwipfeln kreischen, liefen an Bäumen vorüber, deren Stämme so dick waren, daß drei Männer nicht ausreichten, sie zu umfassen. Manche von ihnen hatten seitliche Wurzeln ausgebildet, als wollten sie sich mit ihnen abstützen und vom jahrhundertelangen Herumstehen ausruhen. Wir hörten das Gezirpe unzähliger Zikaden und viele andere Stimmen des Dschungels. Wir kletterten neben einem Wasserfall empor, als der Weg nicht mehr fortführen wollte. Und weiter ging es steil bergan. Schließlich fanden wir abgebrochene Zweige, Wegweiser, die uns zeigten, daß in diesem Dickicht auch Menschen lebten. Und irgendwann, mitten im Urwald, standen wir plötzlich vor dem verwachsenen Eingang einer Höhle.
  Wir schlüpften hinein und betraten ein Labyrinth unterirdischer Gänge und Gewölbe. Es war wie ein Märchen. Nach wenigen Metern wurde uns nämlich klar, daß unsere Füße uns in eine längst vergangene Zeit getragen hatten! Rauchgeschwängerte Luft und kalter Modergeruch schlugen uns entgegen. Rasch verlor sich das Tageslicht in der Tiefe des Berges, und es schien, als wollten die mächtigen Tropfsteine uns jeden weiteren Zugang versperren. Aber dort unten loderte ein Licht! Es war so schwach, daß es uns den Weg nur wenig erhellte. Wo wir uns abstützten, blätterten dicke Rußschichten von den Felskanten und -vorsprüngen, und von der Decke hingen lange staubige Fetzen uralter Spinnweben wie gespenstische Schleier. Plötzlich hörte ich Manuel schreien: ,,Paß auf, ein Mogsum"! Das Echo hallte durch die Gewölbe. Tatsächlich! Ich wußte zwar nicht, was er meinte, aber nun erblickte auch ich die Gefahr: Ein großes Krabbelgeschöpf starrte mich an, es hing mit bedornten Fangarmen dicht vor mir an der Wand und schien nur darauf zu lauern, daß ich ihm näher kam. Es hatte einen flachen Körper, zwei lange Fühler, sechs Beine und sah aus wie ein Urtier. Ich hatte dieses Tier noch nie gesehen; erst später erfuhr ich - es war eine Geißelspinne. ,,Aber die meine ich doch gar nicht", rief Manuel nun noch entsetzter, ,,schau vor deine Füße!"

Gott sei Dank war ich instinktiv stehengeblieben. Vor mir kroch ein dicker, schwarzer Fadenskorpion über den Lehmboden. ,,Wenn er Dich kneift, bist du tot", schrie Manuel noch. ,,Tot, tot, tot", hallte es schauerlich. ,,Beinahe wär's passiert", rief ich erschrocken. Und zu mir selbst sagte ich: ,,Wer mag an solch einem unheimlichen Ort wohnen?" Vorsichtig tasteten wir uns weiter und sahen bald das Licht aus der Nähe. Es war eine kleine Harzfackel, die zwischen zwei Steinen brannte.
Noch tiefer im Berg wurde es seltsamerweise wieder hell, ja es fielen sogar Sonnenstrahlen in eine große unterirdische Halle. Für einen Augenblick erspähte ich seitlich die Umrisse von drei kleinen Kindern. ,,Wer seid ihr?" rief ich. Doch schon waren sie verschwunden....
 
  ,,Wir sind die Soslodon", erschallte die Antwort aus der Höhle. Und: ,,Meine Söhne nennen mich Etik". Die Stimme klang tief und zitternd. In einiger Entfernung vor uns stand ein faltiger, abgemagerter Greis, bekleidet mit einem Lendenschurz' als wäre er dem Schaukasten eines Museums entstiegen.

  Manuel verstand und übersetzte. Lächelnd trat der Alte auf uns zu: ,,Sie nennen mich Etik"' wiederholte er, und Manuel stellte uns vor. Wir seien anständige Leute und hätten die Höhle nur zufällig gefunden. Der Alte nahm sein Steinfeuerzeug vom Gürtel, schlug mit Eisen und Flint Funken, blies sie sacht in den Zunder, bis sich Glut bildete und entzündete daran eine Harzfackel. Dann geleitete er uns durch die düsteren Klüfte. Vorbei an einer langen Reihe hoher Tropfsteine' die sich erhoben wie die Pfeifen einer steinernen Orgel. Irgendwer hatte zum Sammeln von Trinkwasser Rindenbehälter unter die Tropfsteine gestellt. In einem Seitengang der Höhle bemerkte ich erneut Kinder, wie sie uns ängstlich beobachteten. Auch sie verschwanden danach spurlos. Offenbar besaß die Höhle mehrere Ausgänge. Wir gelangten abermals in einen prächtigen Felsendom. Im Licht von Etiks Fackel sahen wir Betten, einfache Gestelle, die jemand aus rohen Stämmchen gezimmert hatte. Darauf lagen geflochtene Matten. Zerbrechliche, aus verflochtenen Blättern hergestellte Windschirme sollten offenbar die in der Höhle ständig wehende Zugluft abhalten. Zur weiteren Einrichtung der Höhlenwohnung gehörten Felsnischen, die man als Ablagen nutzte. Ich sah Unterkiefer von Wildschweinen, die Trophäen eines Jägers. Daneben lagen Pfeilköcher, Pfeile und Giftbehälter, lehnte ein Stock, den man auch zum Umgraben auf einem Feld verwenden kann. Uber den Boden verstreut lagen kleine Körbchen und andere Habseligkeiten. ,,Mein Gott" dachte ich mir, ,,mit wie wenig ein Mensch in seinem Leben auskommen kann!" Sogar Manuel, der mit einem Wasserbüffel seine Reisfelder pflügt und in einer einfachen Hütte wohnt, schien beeindruckt. Denn viel mehr als das besaßen die Bewohner dieser Höhle wirklich nicht.
     
  Etik brachte uns in ein Gewölbe, in dem sich einige kaum bekleidete Gestalten um die wärmende Glut eines Feuers scharten: die versammelten Soslodon, achtundzwanzig Menschen, fünf Familien, die sich in dieser Höhle eine dauerhafte Bleibe eingerichtet hatten........
  Sie hatten schreckliche Angst vor mir, als wäre ich der Rübezahl, ein weißer Riese,...
....und es dauerte Monate, bis sie mir erlaubten, sie zu photographieren....
 
 


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Photos und Text: Dr. Christian Adler Gilching; Graphik: Marta Hofmann Berlin
Weitere Veröffentlichung auch im Internet nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Urheber


Redaktion, Satz und Layout: Dr. Hannelore und Reimar Gilsenbach
BUMERANG erscheint zweimal im Jahr
Diese Publikation wird durch das Ministerium der Justiz und für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg gefördert
Druck und Herstellung: Druckhaus Eberswalde, Freienwalder Str. 44-46, 16225 Eberswalde
Copyright by Gilsenbach & Gilsenbach Brodowin 1997
ISSN 0947-8477

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